04 Sophia Rödiger von 1KOMMA5° | über Strom als Lifestyle, Mut zur Haltung und Raves als Markenerlebnis

04 Sophia Rödiger von 1KOMMA5° | über Strom als Lifestyle, Mut zur Haltung und Raves als Markenerlebnis

Lesezeit: ca. 45 Minuten

Ein Interview von Carina Hahn mit Sophia Rödiger, CMO von 1KOMMA5°.

Sophia Rödiger ist Chief Marketing Officer 1KOMMA5°, einem der bekanntesten Energie-Scale-ups Europas. Dort verantwortet sie Marke, Kommunikation und Sichtbarkeit – mit der klaren Überzeugung, dass Marken ohne Ecken und Kanten heute keine Zukunft mehr haben: Sie hat der Marke eine Visualität gegeben, die Hoffnung und Aufbruch transportiert, einen Stromtarif zum Lifestyle gemacht und moderiert den Podcast NEW ENERGY TALKS mit namhaften Gästen.

Im Gespräch mit Carina erzählt sie, wie aus einem Low-Interest-Product wie Wärmepumpen ein Identitätsthema wurde, warum sie Raves und Laufclubs als Marketinginstrument einsetzt und was es kostet, mit Haltung sichtbar zu sein.

Carina: Wir starten mit ein paar Rapid-Fire-Fragen, damit wir warm werden und dich ein bisschen besser kennenlernen. Bist du eher Typ Podcast hören oder Videos anschauen?

Sophia: Videos anschauen.

Carina: Wenn du dich entscheiden müsstest: lieber einen Shitstorm in Kauf nehmen oder unsichtbar bleiben?

Sophia: Shitstorm in Kauf nehmen. Still sein, leise sein, profillos sein ist für uns keine Option.

Carina: Bist du eher Frühaufsteherin oder Nachteule?

Sophia: Nachteule. Ich wäre gerne Frühaufsteherin und versuche es auch immer wieder, aber es klappt mein Leben lang nicht und nach 38 Jahren höre ich jetzt damit auf.

Ich habe das Gefühl, alle Nachteulen haben das Bedürfnis, Frühaufsteher zu sein. Weil es halt so verkauft wird: Nur so bin ich erfolgreich. Inzwischen würde ich sagen: Es klappt ja auch so ganz gut. Ich habe es irgendwann angenommen – meine Superpower entsteht wirklich abends. Da habe ich einen komplett kreativen Flow, da ist Stille, da wirst du nicht von E-Mails gestört. Lieben Gruß an die Early Birds, aber ich bleibe die Nachteule.

Carina: Was ist dein Go-to, wenn du mal gar keine Ideen hast?

Sophia: Die Dusche. Inzwischen ist ja auch ziemlich klar erklärt, warum der Kopf diese monotone Ruhe braucht, um ins Kreative durchzubrechen. Ganz stark ist bei mir außerdem die Natur. Ich gehe super gerne mit meinem Hund ganz lange spazieren, ganz bewusst ohne Musik. Und ich laufe gerne lang, auch mal 30 Kilometer, wirklich ohne jegliche Musik oder irgendwas. Das ist das Genialste, was einem beim Kreativsein und Durchdenken passieren kann. Da habe ich meine Hebel inzwischen ganz gut gefunden.

Carina: Hast du einen Lieblingspodcast, außer deinem eigenen?

Sophia: Nicht unbedingt, ich höre gerne Hörbücher, gerade wenn ich lange fahre und ich fahre wirklich viele zehntausend Kilometer im Jahr. Da kann ich richtig schön ganze Bücher hören. Ansonsten höre ich immer mal wieder ganz gerne Podcasts, wie OMR. Auch von Philipp höre ich natürlich alle Podcasts gerne, lieben Gruß an meinen Philipp Schröder.

Aber ich habe nicht so den einen Podcast, ich bin kein Mensch, der so einen Personenkult pflegt und höre immer inhaltlich orientierte Themen. Von Ben Unscripted kann man halten, was man möchte, aber auch den finde ich mal gut, weil ich merke, da ist eine Person, die mich gerade auf irgendeine Art catcht – das muss nicht immer positiv sein –, und da will ich reinhören. Und dann ist auch viel Business-orientiert, wie Baby got Business, gerade fürs Social-Media-Marketing lernt man ja auch ständig Neues dazu. Aber ich könnte dir nicht den einen nennen, von dem ich sage: Der ist es, und den liebe ich für immer.

Carina: Letzte Frage aus dieser Kategorie: Gibt es eine Phrase, die du gerne für immer abschaffen würdest?

Sophia: Eine einzelne Phrase habe ich nicht. Aber ich würde mir wünschen – und das ist, glaube ich, ein sehr starkes deutsches kulturelles Thema –, dass wir mehr mit „Ja, und” antworten statt mit „Ja, aber”.

Wir sind in Deutschland ganz stark auf diesem: „Ja, ich höre dir zu, aber so geht das nicht.” Oder: „Aber warte mal, das haben wir schon probiert.” Würden wir mehr mit „Ja, und” antworten, würde mehr kreativer Flow entstehen, weil wir mit unseren Sätzen aufeinander aufbauen und in dem Fall auch mit Lösungen.

Carina: Das habe ich in einem Kommunikationsworkshop gelernt und mir echt ein bisschen angewöhnt. Das ist total schön, weil man sich öffnet und nicht immer diese Barriere im Kopf hat.

Sophia: Man fängt dann auch nicht sofort an zu clustern und einzuordnen, nach dem Motto: Ich sehe schon wieder 100.000 Bedenken. Das ist ja oft auch eine Superpower – jeder Unternehmer und jeder CEO muss schauen: Was sind die Szenarien? Die auch genauso pessimistisch sind. Die müssen wir im Blick haben und dürfen sie nicht rosarot harmonisieren. Aber eben nicht sofort im Kreativ- und Veränderungsprozess, wenn man gerade erst auf dem weißen Blatt startet.

Gerade jetzt, wo wir in Deutschland etwas stuck sind. Die einen, die noch in der Hängematte hängen und noch nicht so ganz gemerkt haben, dass das die allerletzte Eisenbahn Richtung Transformation ist, und die anderen, die noch nicht so richtig ihren Handlungsraum für sich gefunden haben. Da würde ich mir mehr diese Vorwärtsenergie wünschen: mehr „Ja, und”.

Carina: Dann steigen wir ein. Ich habe die Marke 1KOMMA5° relativ von Anfang an verfolgt – auf LinkedIn und in allen möglichen Medien –, weil ich sie echt spannend fand. Mein erster Impuls war: Die sind definitiv anders als das, was man aus der Energiebranche kennt.

Sophia: Was war für Dich anders?

Carina: Dieser Spirit, den auch Philipp rüberbringt, das Dynamische, das Anders-machen-Wollen, natürlich auch die Farbwelt – man merkt: Wir wollen gesehen werden, wir wollen progressiv sein, wir wollen das Bestehende hinterfragen. Du bist vor einigen Jahren als CMO dazugekommen: Was hat dich damals gereizt?

Sophia: Du hast das sehr gut beschrieben. Ich hatte von Beginn an das Gefühl: Hier verstehen die Gründer – und auch der Inner Circle, das Leadership-Team – wirklich etwas vom Fach. Und damit will ich gar nichts schlechtreden, aber es ist ein anderer Weg, ob ich ein bisschen was über E-Commerce gelernt habe und dann sage, jetzt mache ich das nächste große Internet-Business groß oder ob ich einen komplexen Strommarkt wirklich durch und durch verstehe und sage: Den will ich transformieren, so funktioniert das nicht mehr.

Das habe ich von Beginn an gespürt: Diese große Vision, die wirklich irre ist, und die braucht man in meinen Augen auch als Gründer, weil sie einen manchmal nass geschwitzt nachts wach werden lässt. Aber sie hatte richtig Hand und Fuß, und das fand ich beeindruckend. Dazu kam, dass ich gemerkt habe: Hier gehen Menschen mit einem echten Aufbruchsgedanken und einem radikalen Veränderungsgedanken ran. Das hat mich total motiviert.

Ich habe Philipp dann bei der OMR kennengelernt, weil wir beide gesprochen haben, und das war wirklich beim Gehen und auch beim Zuhören seiner Keynote auf der Bühne, habe ich mir gedacht, wenn ich mich noch einmal anstellen lasse – ich war vorher selbst Gründerin –, dann will ich mit dieser Firma gemeinsam wachsen und Großes bewegen. Und manchmal, wenn man dranbleibt, kommt das dann auch so.

Carina: Dein Alltag als CMO ist bestimmt sehr unterschiedlich. Gibt es trotzdem so etwas wie einen typischen Tag – wie kann man sich den vorstellen?

Sophia: Die Rolle definiert ja jeder anders. In unserem Feld sind Marke und Markenarbeit natürlich ein ganz großer Baustein – und vor allem, wie wir kommunizieren: Aufklärung und Bildung. Dazu gehört auch Vertrauen schaffen, Brücken bauen, einen Zugang schaffen zu etwas, was vorher noch überhaupt nicht Thema war. Hast Du Dir vorher Gedanken gemacht, wo Dein Strom herkommt und was die Kilowattstunde kostet? Und das ist auch nicht schlimm, es war nur einfach nicht in unserem Bewusstsein.

Und dann kam erstmals auch der Angriffskrieg mit der Ukraine und uns ist erstmals so ein Preisgefühl bewusst geworden für Öl und Gas. In diesem Kontext, auch mit einer sehr stark politisierten, fast schon polarisierenden Aufladen durch die Medien. Wenn Du Dich noch erinnerst: Angriffskriegsszenarien, Habecks Heizungshammer, Habeck der Heizungsdiktator, oder Klimadiktator. Da waren ja Bilder und Schlagzeilen in unseren Köpfen, die irre sind. In dem Kontext brauchten wir eine Wirkung. Das erstmal so als Einordnung und warum auch wir uns für diesen Weg entschieden haben.

Wir sind Charaktere, bei denen wir gesagt haben, wir inszenieren uns dabei auch als die Gesichter, die Stimmen, die Profile, und nutzen unsere verschiedenen Fähigkeiten gezielt. Ein Beispiel: Philipp provoziert, hat aber auch ein wahnsinniges Wissen über den gesamten Strommarkt, kann das gut einordnen und hat ein Wahnsinns-Netzwerk. Barbara ist unser Brain hinter der Technologie. So setzen wir unsere Charaktere gezielt ein und können mit diesen Rollen gut wirken – je nachdem, wo es was braucht. Ich verbinde sehr stark und versuche vor allem, den Zugang zu Verbraucherinnen und Verbrauchern zu finden, immer wieder nah an Kundinnen und Kunden zu sein – bis hin dazu, im Garten zu stehen und diese Alltagsgeschichten lebendig werden zu lassen und zu erzählen.

Mein Alltag ist deswegen viel von Bühne geprägt. Ich stehe morgens auf – nachdem ich mit meinem Hund laufen war, das ist mir wirklich heilig, dafür stehe ich auch echt noch mal früher auf – und habe dann immer erstmal eine Internetzeit. Die muss ich mir bewusst einblocken: Wann schreibe ich was, wann gehe ich noch mal rein, wann haben wir gepostet, damit wir organischen Traffic erzeugen, was kommentieren wir, was ist am Abend noch passiert? Ich weiß nicht, ob das der beste Start in den Tag ist, aber für mich ist er wichtig – den muss ich einmal gemacht haben.

Danach geht es meistens los mit einem Check-in im Team – was steht an, für den Tag oder die Woche – und dann eben Bühne, Podcast oder ein Kundendreh. Diese Woche habe ich noch zwei spannende Gäste, die ich selbst interviewen darf, und wir haben gerade eine Sportreihe mit Social Runs aufgemacht, da haben wir auch am Wochenende einen krassen Wettkampf. Es ist also nicht dieser eine Tag, aber es reiht sich ganz viel Interaktion aneinander.

Meine Stärke ist wirklich, mit Menschen in Verbindung zu gehen und ein Erlebnis zu kreieren, das bleibt – über das man danach schreibt, weil es einfach outstanding war, etwas Besonderes. Mich würde es dagegen gruseln, wenn du mich wochenlang irgendwo einschließt und ich nur Excel-Listen angucken darf. Da wäre ich unglücklich ohne Ende. So hat eben jeder seine Stärken.

Carina: Das ist auch ein guter Impuls für die konservativeren Unternehmen, bei denen der Marketingalltag oft ganz anders aussieht.

Sophia: Natürlich. Wir screenen genauso: Was geben wir für Performance aus, wie ist die Qualität der Leads, wo schreibt die Presse über uns, wie viele Menschen erreichen wir, wie läuft das Community Management, wie sind die Bewertungen? Das screenen wir auch jeden Tag. Nur hilft uns inzwischen so viel Agent- und KI-Skill, das uns die Sachen täglich ausspuckt. Ich schaue dann auf Anomalien und Besonderheiten und frage in meinem Team nach: Was ist da los? Aber das ist nicht mein Haupteinsatz an einem typischen Tag – dafür haben wir Experten, die genau in ihren Nischen sitzen.

Trotzdem darf nie der Eindruck entstehen, dass das nicht das A und O ist: Das ist der Backbone, die Maschine, die laufen muss. Wir haben uns aufgrund unseres Kontextes dafür entschieden, sehr stark auf Sichtbarkeit zu setzen. Und ich würde sogar unterschreiben: Firmen und Marken, die heute profillos bleiben, zu harmonisch, aalglatt, die jedem gefallen wollen, haben keine Zukunft mehr. So klar würde ich das formulieren.

Das heißt, du musst dir Ecken, Kanten und Profil schaffen und dafür brauchst du Sichtbarkeit. Woher soll man bei einer neuen Marke sonst wissen, was ihre drei Ecken und Kanten sind, wenn wir sie nicht überall sichtbar machen? Einzigartig ist bei uns auch, dass wir den Weg gewählt haben, jeden Tag aufs Neue nicht müde zu werden: noch mit einem Journalisten zu sprechen, noch auf eine Bühne zu gehen, sich die Zeit zu nehmen, sich wirklich überall konsequent zu platzieren.

Da müssen sich viele fragen: Wie bleiben wir sonst relevant? Denn alles andere – KI-Content, Performance-Anzeigen – wird immer schneller, wie du gegeneinander testest, auswertest über die Tools, exponentiell mehr Content raushaust; das wir sich alles immer mehr annähern, weil alle das eben können und niemand die Augen verschließt. Deswegen wird die menschliche Komponente immer wichtiger: die Schärfe des Profils, die Köpfe, die Energie, die du ausstrahlst. Die kann dir niemand abnehmen und auch nicht copy-pasten.

Das siehst du auch an den Trends im Marketing: Reality, echte Erlebnisse schaffen, Schaufenster wieder zum Erlebnis machen, in denen auf einmal Live-Acts stattfinden, Community auf der Straße in dein Marketing engagen lassen. Das Plakat endet nicht am Plakat, sondern hat den Buzzer daneben, wo du etwas tust. Wir sehen einen starken Trend zum puren physischen Sinneserlebnis – mit Hören, Riechen, Haut, Action. Der Ansatz ist schon da, und ich glaube, das wird in den nächsten Jahren noch ganz verrückte, kreative Wege gehen.

Carina: Ich würde gerne noch einen Schritt zurück zur Marke gehen: Ihr habt dieses Profil, ihr habt Ecken und Kanten. Wie würdest du die Marke in drei Worten beschreiben?

Sophia: Auf jeden Fall ikonisch-technisch. Wir haben so eine Techie-Komponente, wo man sagt: Wir sind sozusagen das Apple der Energie oder Cleantech Area.

Wert Nummer zwei ist das Natürliche, Weibliche. Warum? Die Mutter Natur steckt ja in uns drin. Wind und Sonne geben uns genau diese Nähe zum Ökosystem, auch zu dem, was wir sagen: Begib dich wieder mehr in den Rhythmus der Natur. Dazu gehört das Natürliche, Bodenständige, das uns auch durch unser Handwerk mitgegeben wird. Es endet ja nicht damit, dass du einen netten Showroom hast und auf einem Event warst, sondern mit einer Solarinstallation oder der Wartung deiner Wärmepumpe, und dafür braucht es wirklich dieses vertrauensvolle Handwerk vor Ort.

Und der dritte ist definitiv: aufklärend, aber provokant und spitz. Wir wollen auf jeden Fall aufklären und die Menschen mit all ihren Facetten mitnehmen, aber wir sagen es auf eine Art und Weise, die sehr klar und scharf ist. Immer nur glattbürsten und schauen, dass wir jeden auffangen – das ist es nicht. Wir sind klar und direkt, aber so, dass es am Ende Verbindung schafft. Nur so schaffst du das auch in uns selbst: harte Technologie auf der einen Seite, Hipster-Entwicklung in den Städten, und auf der anderen Seite Handwerksteams mit Traditionshandwerk bis in jedes Dorf. Allein in uns brauchen wir schon das Verbindende und deswegen schreiben wir das natürlich auch unserer Marke zu.

Carina: Marketing entwickelt sich sehr schnelllebig, und jeder hinterlässt ja auch eine eigene Spur oder eine eigene Note. Was hast du in den letzten drei Jahren, seit du hier bist, verändert – was hast du reingegeben, was vorher nicht da war?

Sophia: Wir haben alles verändert. Mein Einstieg war nach dem ersten Jahr natürlich genial. Wir sind im Sommer 2021 gestartet, kurz danach kam der Ukraine-Krieg, die Books waren erst mal voll, Preise schossen nach oben. Man hat gemerkt: Wow, wir sind unfassbar abhängig, damals war es vor allem noch das russische Gas. Unabhängigkeit: Wie geht das? Ich mache mir ein Solarmodul aufs Dach. So ging es los. Das heißt, wir hatten Handwerks-Backlogs bis oben hin, und erst mal hat niemand geglaubt, dass man groß Marketing braucht. Diese Wellen sind oft nicht ganz natürlich, und so entwickelt sich ein Unternehmen dann auch nicht unbedingt organisch-erwachsen.

Also hat man doch gemerkt: Wir müssen etwas machen. Wir müssen unabhängiger werden, statt Leads von anderen einzukaufen. Wir brauchen eigene Quellen. Deswegen haben wir am Anfang sehr stark Performance in eigene Kanäle gebaut; das hat bei uns Torben Diekmann gemacht, unser Chief Growth Officer, mit der Website als stärkstem Kanal. Das gab es vorher alles nicht: Als ich ankam, hatten wir nicht mal groß Stock Material, keine einzige Solaranlage, die wir auf Fotos hatten.

Was ich mir vor allem vorgenommen habe – zusammen mit Philipp, der auch sehr starke Eindrücke und Bilder davon hat, wo wir hinwollen –: Wir haben uns eine Visualität ausgedacht. Wie inszeniert man das Ganze, ohne es so zu machen, wie die grüne Politik es machen würde oder wie Yello Strom es mit Sonne und Solar macht? Wir wollten eine Farbwelt, die Mutter Natur und Sonne inszeniert – Lila steht in der Farblehre für den Aufbruch ins Neue. Wir wollten etwas Ästhetisches schaffen, in dem Menschen Hoffnung spüren: hoffnungsvolle Energie. Und sagen: Hey, das ist etwas Schönes, ein schöner Lifestyle, da möchte ich mitmachen.

Was ich außerdem stark installiert habe: auf der einen Seite die Verbindung zu Menschen im Alltag, diese echte Alltagsnähe. Und auf der anderen Seite, aus einem Stromtarif – eigentlich ein Low-Interest-Product, über das sich niemand Gedanken macht – einen Lifestyle zu machen. Einen neuen, coolen Lifestyle, auf den wir alle Bock haben, der irgendwie sexy ist. Das war so ein bisschen die Ansage von Philipp: „Sophia, mach das sexy.” Ich glaube, das ist uns gelungen, und das ist eine Ader, die wir gemeinsam gelegt haben. Denn das bin nicht nur ich, das sind all die Menschen, die jeden Tag wirken, bis hin zu unseren Handwerksstandorten, die mit unseren Autos fahren. Die sind mit die wichtigsten rollenden Plakate, die man nicht unterschätzen darf. Und das finde ich so schön: dass wir das alle gemeinsam schaffen und wirklich mit dieser Marke leben, bis hin zu unseren Kundinnen und Kunden. Ich hätte nie gedacht, dass Menschen sich Schilder ans Haus machen, dass sie Heartbeat-Pioniere sind, dass sie zu Barbecue-Partys einladen und sagen: Komm mal mit in den Keller runter, ich zeige dir mein System. Das kennt man ja noch von Tupperpartys. Das waren Ideen, bei denen wir gesagt haben: Lass es uns mal versuchen. Dass das so eingeschlagen ist und sich Menschen so stark damit identifizieren, dass es fast ein neuer Status wird – das finde ich einzigartig, und darauf sind wir sehr stolz.

Carina: Das zeigt das Spannende: Es ist ein Thema, das man nie auf dem Schirm hatte, und plötzlich wird es zum Identitätsthema – so wie bei Apple-Geräten. Plötzlich ist es cool, Teil davon und Pionier zu sein. Meine Wahrnehmung war bisher: Die Energiebranche ist eintönig, große Konzerne, intransparent. Gab es in eurer progressiven Kommunikation auch Erfahrungen, die schwierig waren, wo etwas nicht direkt angenommen wurde?

Sophia: Wir gehen natürlich nicht ran und sagen: Jetzt lass mal den Shitstorm pushen. Aber wir probieren lieber erst und können danach immer noch agieren und optimieren. Unser Anspruch ist immer ein bisschen, die Ersten in der Branche zu sein – inzwischen schauen auch andere: Was machen die schon wieder? Trotzdem gibt es viele tolle Namen, von denen wir Inspiration ziehen. Octopus Energy zum Beispiel macht das wirklich großartig, was Transparenz gegenüber Kundinnen und Kunden angeht. Unser Lernfeld Nummer eins kommt aus dem Gründungsgeist von 1KOMMA5°. In dem Namen steckt ja schon die Provokation und die Anmaßung – in your face: Denk ans Klimaziel. Ich werde inzwischen auf fast jeder Bühne gefragt: Nennt ihr euch jetzt um? Nein, natürlich nicht. Dieser Kipppunkt bleibt weiterhin relevant, egal wie hoch und wie lange wir ihn reißen. Wir sollten uns immer wieder an die Symbolkraft genau dieser Kipppunkte erinnern.

Wir kommen also aus der Provokation, und das Thema war: Was ist dein Beitrag fürs Klima? Entsprechend haben wir am Anfang viel über die CO2-Vermeidungsstrategie geredet. Dann haben wir gemerkt: schön und gut, aber niemand kauft bei uns, nur weil wir mit dieser Anmaßung kommen. In Marktforschungen und Umfragen würde auch niemand sagen, dass er da nicht investieren möchte, aber es schwingt nur als Side Motivation mit.

Die Hauptmotivation haben wir ziemlich schnell gemerkt: Der Spiegel framte uns vor dreieinhalb Jahren als “Deutschlands günstigsten Stromtarif”. Wir waren einer der Allerersten mit einem wirklich dynamischen Tarif –, und dann rannten sie uns die Hütte ein. Da war klar: Der Hebel ist am Ende doch „Ich möchte Stromkosten sparen”. Und das ist völlig in Ordnung, da will ich gar nicht judgen – jeder findet seinen eigenen Einstieg in die Verhaltensveränderung und in die Elektrifizierung. Das war ein echtes Learning: Wir müssen das Narrativ nicht so stark über „Du vermeidest CO2” erzählen. Wir haben gemerkt, wie stark die Preissensibilität der Menschen ist – Preis und Solar mussten die Keywords sein, und dann darf der Rest kommen. Wir lieben unsere Technologie, wir lieben unsere KI hinter der Steuerung der Stromflüsse bei dir zu Hause. Aber das ist nicht das aktivierende Momentum beim ersten Klick, bei der ersten Awareness. Das mussten wir selbst erst lernen und einordnen. Danach floss es, und wir haben auch unsere Claims umgestellt – deswegen sagen wir heute: der günstigste und sauberste Strom.

Das zweite große Thema ist das Profil und die Profilschärfe. Ich bin überzeugt, dass Haltung zeigen genau richtig ist, aber es ist natürlich eine Herausforderung. Wenn du auch mal gegen eine EU-Kommission gehst, auch mal klagst oder in deinen Aussagen härter mit der Regierung ins Gericht gehst, bis hin zu einem Philipp Schröder, der als CEO seine Meinung äußert, dann hast du Leute, die das gut finden, und Leute, die das nicht gut finden. Manchmal ahnen oder wissen wir im Hintergrund Dinge oder legen uns einen Weg zurecht, der vorne raus nicht jedem gleich schmeckt.

Durch diese starke Identifikation denken viele Menschen, sie kennen Sophia, Barbara oder Philipp persönlich – und das macht etwas mit dir. Das ist das Risiko, wenn du dich sehr nahbar zeigst, wirklich offen mit all deinen Meinungen und Fehlern bis hin zum Tippfehler, weil wir die Dinge selber machen. Das ist authentisch, dafür steht unsere Marke und es bietet viel Angriffsfläche. Das sind Learnings, bei denen man manchmal denkt: Okay, das eine oder andere hätten wir vielleicht nicht ganz so breittreten sollen.

Aber Haltung halten, auch wenn es weh tut, das haben wir gerade beim Abflachen des Klimanarrativs gezeigt. Dafür hat uns eine Zeit lang nicht besonders viel Applaus geklatscht, gerade wenn man Robert Habeck in den Podcast einlädt oder eine Maja Göpel oder Klimaforscher. Bis hin dazu, dass wir die bodenlosesten Kommentare sammeln: Wir bekommen Morddrohungen, man wünscht mir einen Schlaganfall. Auch diese Seite der Sichtbarkeit darf man ansprechen. Wir halten trotzdem unsere Haltung, unterstützen uns gegenseitig und bauen uns gegenseitig wieder auf. Du musst eben nicht jedem schmecken und mir ist es lieber, heutzutage wahrgenommen zu werden und Profil zu zeigen. In meinen Augen ist das genau das, was wir von Unternehmern, von Gründern und vor allem von Marken brauchen.

Und noch ein Punkt, bei dem wir vielleicht ein bisschen anders auf Markenarbeit schauen – dafür bekomme ich auch immer wieder Kritik: Wir sehen unsere Marke beweglicher. Das nehme ich auch immer wieder in den Austausch mit Philipp mit. Viele würden sagen: Nein, eine Marke muss stehen, unabhängig von Geopolitik und allem. Ich finde, dass heute unternehmerische Netzwerke, Businessmodelle und der Businessplan bis hin zur Marke beweglicher bleiben müssen, weil wir uns so schnell verändern und so schnell auf globale Lagen reagieren müssen. Natürlich gibt es stabile Komponenten und Werte, aber die Grundmaßnahmen und die Narrative müssen beweglich bleiben. Das haben wir auch in unseren eigenen kleinen Disruptionen immer wieder bewiesen.

Carina: Ich würde gerne über das Thema KI sprechen. Authentizität ist bei euch sehr wichtig, gleichzeitig ist KI auch in der Kommunikation ein großes Thema. Vorab: Wie groß ist euer Marketing-Team aktuell?

Sophia: Wenn du alle zusammenrechnest – wir haben unser Powerhouse ja auch in den sieben Märkten, in denen wir sind –, sind es ungefähr 50, inklusive Werkstudierenden. Da ist von Performance bis Design und Video, das wir auch inhouse haben, alles dabei.

Die Teams sind also nicht riesig besetzt, sondern meistens sehr scharf, mit wirklich massiven Experten – Crème de la Crème in ihrer Expertise. Das ist entscheidend: So bleiben wir schnell, arbeiten in Squads, und das Powerhouse stellt sich pro Projekt zusammen.

Carina: Wo setzt ihr KI ein, wie stark und wie stellt ihr sicher, dass am Ende kein AI-Slop rauskommt? Also auch die Frage nach dem Qualitätsmanagement.

Sophia: Es gibt kein Feld, in dem keine KI drinsteckt und vor allem auch in den Prozess reingezogen wird.

Wenn man es aufteilt: Die Performance- und Growth-Seite optimiert sich knallhart über Analysen, aber auch über Agent Skills – also Automatisierung, um die Masse überhaupt rauszubringen. Wo wir früher für bestimmte Content-Pieces acht Stunden gebraucht haben – mit Recherche, Schreiben, Themenidentifikation, Umfragen, Ideen –, sind die Teams heute so schnell, dass sie das innerhalb weniger Stunden in mehreren Chargen liefern. Das Gleiche beim A/B-Testing: den Wettbewerb screenen, die besten Sachen filtern, selbst einen kurzen KI-Spot draufprompten, rausgeben, wieder gegentesten. Es ist unfassbar, wie performant die Teams inzwischen sind. Dahinter stecken wahnsinnig viele Analysen, aber auch die simpelsten Sachen: Watchlists von Menschen, die über dich schreiben, gerade auch von denen, die mal negative Videos machen. Jeden Morgen screenen bestimmte Skill-Agents unseren ganzen Social-Media-Orbit und sagen: Hey, da hat Horst Meier-Müller über euch geredet, und zwar nicht positiv im Title. So wird jeden Morgen die Maschinerie angeworfen. Bei unseren Videografen kannst du KI aus dem Schnitt gar nicht mehr wegdenken, genauso bei den Designern: Diese ganzen repetitiven Aufgaben von früher sind ersetzt worden, und das erzeugt eine wahnsinnige Geschwindigkeit. Und dann nutzen wir natürlich auch sehr viel Generatives.

Wir lernen dieses Jahr sehr viel und haben gesagt: Zum Jahresende machen wir noch mal einen Cut und setzen ein Manifest. Gerade wenn es um Trust- und Kunden-Content geht, sind wir vorsichtig. Wir waren mit die Ersten, die diese Alltagsgeschichten aus der Nachbarschaft mit echten Kundinnen und Kunden erzählt haben. Menschen, die sich wirklich hinstellen und uns in ihr Leben reinlassen. Das wollen wir auf der Trust-Seite nicht kaputt machen. Deswegen sind wir bei Kundengesichtern vorsichtig: Wann prompten wir einfach mal ein KI-Gesicht, wie müssen wir es labeln, wie zeigen wir wirklich jede kleine Sache an, damit Consumer draußen informiert sind? Da gehen wir sehr aufklärend vor, im Sinne unserer Markenwerte. Man darf nicht unterschätzen, was für ein falscher Eindruck – etwa von Schönheit oder von Inszenierung generell – bei Menschen entstehen kann. An diese Themen tasten wir uns gerade heran und formulieren dazu unser Manifest.

Und ja: Es passieren auch Fehler. Manchmal schreiben uns Freunde: Hey, habt ihr euer Logo in der Anzeige gesehen? Da ist nicht ganz sauber geprompt worden. Passiert,dann müssen wir sofort reagieren und besser werden, die Prompts schärfen. Die Teams bauen ihre Skills gerade überall auf. Aber die Augen verschließen: keine Chance. Wer das heute nicht anwendet, ist einfach weg.

Das sage ich auch den Kreativschaffenden, also Design oder Video: Wenn du nicht weißt, wie du promptest, wird dich jemand links überholen und deinen Job obsolet machen. Das heißt nicht, dass es das Fachhandwerk Video und Lichtinszenierung nicht mehr gibt – im Gegenteil, genau die Leute brauche ich zum Prompten, weil nur sie wissen, wie du einen Look oder einen Stil überhaupt beschreibst. Ich wüsste gar nicht, wie ich das benennen soll. Aber sie müssen es anwenden, und in die Richtung pushen wir auch alle. Ich erwarte auch, dass man Bock hat, sich abends reinzunerden und Tutorials anzugucken und das tun auch alle.

Carina: Deine eigene Personal Brand ist ja auch sehr stark. Du hast innerhalb von 1KOMMA5° auch einen eigenen Podcast aufgebaut, den NEW ENERGY TALKS. Wie kam es dazu, und was ist das Ziel des Podcasts für euch?

Sophia: Ganz viel entsteht wirklich immer aus dem Austausch mit unseren Gründern, der ist so wichtig, weil sie dich immer wieder pushen, ins nächste Level zu denken. Der Podcast ist inzwischen über zwei Jahre alt, und als wir damit begonnen haben, war es ein bisschen auch immer Philipps Traum, dass wir eigene Medienstränge aufbauen, in denen wir selbst Qualitätscontent generieren und die Bildung ernst nehmen.

Das war mir immer wichtig: Wenn wir sagen, wir sind eine Bewegung, dann müssen wir außerhalb von PowerPoint zeigen, was das heißt. Das war Sport und Social Bewegung im Sinne der Social Clubs. Und wenn wir Bildung schreiben und sagen, wir wollen Menschen aufklären und Erwachsenenbildung betreiben – was bedeutet das? Das sind Webinare, das sind Info-Sessions. Wir haben jeden Abend in den Showrooms irgendwo Info Sessions bis in die kleinsten Dörfer. Und der Podcast ist eben ein Medium, in dem du dir bewusst den Raum nimmst für einen Deep Dive, für mehr Worte als nur den Claim, der oben auf der Anzeige oder auf dem Banner steht.

Uns war der Ausgleich wichtig: auf der einen Seite das short Medium, das ganz crispy sein muss und stark verkürzt, und auf der anderen Seite der Raum für Deep Dives. Dafür eignet sich der Podcast einfach sehr gut. Außerdem haben wir gesagt: Wir brauchen bewusst diese Streitgespräche mit unterschiedlichen Meinungsgebern rund um Energie und Strommarkt.

So ist das Ganze entstanden – wir wollten drei Dinge kombinieren: Aktualität und Relevanz. Irgendwo auch fame. Wir wollen schon Menschen, die wirklich etwas zu sagen haben. Und dann natürlich unsere Nischenthemen spannend aufbereiten. Es wird wohl niemand sagen, dass das EEG von Frau Reiche das spannendste Thema der Welt ist. Aber du kannst es spannend aufbereiten, du kannst die richtigen Fragen stellen und deinen Gesprächspartner auch mal nerven und löchern.

Am Ende – und das ist die Summe darunter – soll dabei rauskommen, dass jeder da draußen einen Zugang entwickelt; deswegen auch manchmal der Hashtag #einfachmachen. Warum sollte ich mir Gedanken über meinen eigenen Strom machen? Nicht nur, wo er herkommt und welche Quelle dahintersteckt – Öl, Gas, Sonne, Wind –, sondern auch: Wie kann Strom für mich arbeiten? Wenn ich ihn intelligent nutze, kann ich damit sogar Geld verdienen. Das ist ein kompletter Paradigmenwechsel, und den wollen wir zugänglich machen. Er ist aber halt sau komplex: Es ist eben nicht nur Stecker in die Steckdose und loslegen, sondern es braucht Verständnis und Zugang, damit jeder da draußen versteht und Bock hat, mitzumachen.

Deswegen bringen wir auch viele Community-Fragen rein, schauen, was die Menschen auf Social Media gerade bewegt, schauen uns Postings an, wo vielleicht der eine gegen den anderen geschossen hat, und stellen die Fragen entsprechend. Inzwischen sind wir stolz, dass Leute wie Robert Habeck bei uns waren – er hat nach seinem Ausstieg seinen ersten privaten Podcast bei uns gemacht. Dass Menschen mit uns reden wollen, macht uns sehr stolz. Und wir stehen mit den spannenden Persönlichkeiten immer noch am Anfang.

Carina: Wie strategisch gehst du bei deiner eigenen Sichtbarkeit vor? Planst du das richtig, oder bist du da reingestolpert?

Sophia: Gute Frage und da bin ich wirklich die schlechteste Beraterin. Wahrscheinlich erschrecke ich ganz viele, wenn ich sage: Ich habe dahinter keine Strategie und keinen Plan. Vielleicht ist das auf der einen Seite das Geheimrezept; auf der anderen Seite gibt es viel strategischer aufgebaute und sehr, sehr erfolgreiche Personal Brands.

Ich bin ja nicht nur Gesicht und Personal Brand für das Thema. Ich möchte vor allem diese Marke, diese Kommunikation mit den Teams, die links und rechts mit uns wirken, bis in die Produktbereiche nach vorne bringen und wirklich Impact schaffen. Mir wäre es zu wenig gewesen zu sagen: Sophia, du hast jetzt eine Personal Brand, man kennt dich, du wirst zu coolen Events eingeladen und bist auf Social Media bekannt. Das ist nur meine persönliche Meinung, aber das wäre mir zu wenig. Ich möchte echten Impact schaffen – also an einer Firma mitwirken, von der ich sage: Die steht die nächsten 10, 20, 30, hoffentlich 100 Jahre immer wieder für Aufbruch und für Neues. Für Energie, wie sie in 100 Jahren wieder ganz anders aussehen wird.

Das motiviert mich. Bis hin zu dem, was wir vorhin hatten: rein in die Nachbarschaft, in den Garten. Diese Geschichten, wo ich bei Menschen merke, die haben sich wahnsinnig viele Gedanken gemacht, mit uns so ein Projekt zu realisieren. Das ist ja auch ein Investment an Zeit und Geld. Diese Geschichten, die dabei entstehen, berühren mich sehr, und die möchte ich erzählen. Mir macht es eigentlich viel mehr Spaß, anderen Menschen die Bühne zu geben und mir Formate auszudenken. An der Stelle bin ich kreativ: Trends links und rechts angucken, Inspiration ziehen und fragen, wie ein neues Format in unserem Kontext wirken kann, um andere Menschen mit ihrer Größe scheinen zu lassen.

Das hat dann natürlich auch Impact, wenn man es gern macht, es ernst meint und es einem wirklich liegt. Dass Menschen angezogen werden und sie merken: Die meinen das ernst, und die Frau lebt das auch. Ich glaube, dieses Echtsein zieht gerade in einer Welt, in der immer mehr glossy Content inszeniert wird und man teilweise auch schon satt ist, wenn man zum zehnten Mal denselben Trend gesehen hat. Da sagen wir: Den Zug machen wir jetzt nicht mit, wir bleiben echt bei uns – auch wenn es gerade nicht das ist, was viral geht. Aber es ist meine Linie, und mit meiner Linie ziehe ich, glaube ich, viel an. Da haben wir uns positioniert, da habe ich mich positioniert. Deswegen ist das eigene Wachsen eher Beiwerk. Ich hätte keinen Spaß daran, meine Personal Brand als Personal Brand nach vorne zu bringen. Ich möchte ein Thema nach vorne bringen und auf dieser Ebene Impact haben. Und wenn das scheinbar gut zusammengeht und Menschen sagen: Hey, auch du mit deiner Geschichte und der Person dahinter bist spannend, dann nehme ich das mit. Aber ich sehe mich nicht als den spannendsten Aspekt darin, sondern als die Stimme, die versucht, es Menschen nahbar zu machen und zu erklären und vor allem darin den Sparkle darin zu zeigen. Denn ich sehe ihn, ich fühle ihn jeden Tag. Ich glaube, das ist auch der Grund, warum man klarer auf den Punkt kommt, sich nicht so verzettelt und nicht abhebt und die Bodenhaftung verliert. Das wünsche ich mir von anderen, und so möchte ich auch sein und ich glaube, das ist genau das, was uns hier alle verbindet und 1KOMMA5° so stark macht.

Es geht um die Sache. Dann verliert es auch viel von diesem Ellenbogen-Theaterspiel, bei dem es nur um individuelle Interessen und Rollenkämpfe geht. Diese politischen Bühnen in Großkonzernen und Firmen kennst du ja selbst – da durfte ich auch mal sein und wirken, und ich habe viel gelernt, muss ich sagen. Aber ich möchte das nicht. Wenn es um die Sache geht, verschwendest du zum Glück nicht so viel Energie damit, ob es gerade ums eigene Ego geht.

Das ist vielleicht auch noch mein Appell an unsere Gesellschaft: Ich würde mir gerade echt wünschen, dass wir links und rechts das Ego mal beiseitelegen und fragen, worum es eigentlich geht – um die Sache. Das vermisse ich in vielen Diskussionen. Man merkt so sehr, wie auf einer verschleierten Ebene etwas inszeniert und ein Theaterspiel gespielt wird. Es würde uns, glaube ich, viel Energie fürs Wesentliche schenken, wenn wir das sein lassen würden.

Das bedeutet aber eben auch viel Arbeit und immer wieder selbst reingehen, weil du nicht mit krassen Strategien und Claude Skills irgendetwas gebaut hast, das für dich läuft. Das bin ich nicht. Vielleicht kann man das auch optimieren. Ich nehme jeden Tipp an und lasse mich von tollen Menschen inspirieren, ich habe da auch Vorbilder. Aber mein Weg ist am Ende: Ich möchte, dass dieses Thema nach vorne geht, und dafür nutze ich mein Wirken.

Carina: Was ich heraushöre: Deine geheimen Zutaten sind eine echte Begeisterung fürs Thema und der Typ Mensch zu sein, der kein Problem damit hat, damit nach draußen zu gehen und die Passion zu teilen. Und dann einfach ausprobieren und auf dem Weg lernen.

Sophia: Was du trotzdem brauchst: Ich manifestiere meine großen Ziele. Ich bin nicht die, die jeden Tag knallhart durchplant, was sie postet und wie sie dies und das macht – so berechnend bin ich nicht. Aber wenn ich sage: Hey, das finde ich jetzt geil – Philipp macht zum Beispiel mit Galileo und Co die ersten TV-Sachen, auf einer sehr sachlichen Gründer- und CEO-Ebene –, dann sage ich: Ich will eigentlich auch mal ins Frühstücksfernsehen. Wo kommen die leichten Formate, mit denen du wirklich Mainstream erreichst? Lass uns Energie mal humorvoller, leichter aufziehen. Das würde genau zu meinem Profil passen. Solche großen Dinge manifestieren wir uns schon – nur der Plan, wie wir dahin kommen, ist eben nicht für jeden Tag durchgerechnet.

Carina: Das kann auch Mut machen. Viele haben ja die Bedenken, als Selbstdarsteller rüberzukommen und genau das tut man ja nicht, wenn man wirklich ein Thema nach vorne bringt.

Sophia: Genau, und das ist oft ein falsches Bild, das wir in Deutschland rund um das Thema Sichtbarkeit haben. Sichtbarkeit mit deinem Thema – mit deinem Sprachrohr, deiner visuellen Sprache, Gestik, Mimik – bedeutet nicht, sich überall ins Rampenlicht zu drängeln, sondern Qualität mitzugeben.

Natürlich habe ich inzwischen immer mehr meine Hebel, um in einem Panel nicht unterzugehen, weil ich weiß, mit welchem Statement ich reingehe. Das lernt man natürlich auch. Vielleicht sagt dann jemand: Die Frau muss ja immer mitreden. Aber mein Ziel ist nicht, dass Frau Rödiger immer etwas sagen muss, sondern ich möchte die Schärfe meiner Botschaft platzieren und da muss man schauen, wie sie da reinkommt. Das ist genau der Unterschied. Es geht nicht darum, mein Ego ins Rampenlicht zu stellen nach dem Motto: Habt ihr gesehen, Sophia war bei dem Event? Ne, sondern unser Thema muss gesehen und gehört werden, und unsere Haltung und die Schärfe unserer Position zu einem Thema auf der Bühne oder einem Gesetz, das kam. Dann muss man auch gar nicht die Sorge haben, sich selbst immer ins Rampenlicht zu drücken und ständig die nächste Bühne zu suchen, damit man dabei ist. Das hat nichts mit Ego zu tun.

Finde dein Thema, für das du jeden Tag einstehen willst. Der Preis ist natürlich, dass du dich jeden Tag dafür einsetzt und dass Menschen immer mehr Erwartungen an dich in diesem Themenkontext haben, bei uns eben Energie, Klima, erneuerbar. Menschen entwickeln ein Bild, eine Symbolkraft für dich, und dann passen bestimmte Dinge nicht mehr ins Bild. Das muss man mitgehen, und deswegen ist es so wichtig, dass du wirklich für das Thema stehst. Wenn du nicht dahinterstehst, schmerzt das bitter. Und ich würde mich auch schämen, muss ich sagen. Ich könnte gar keine Rolle spielen für etwas, für das ich nicht morgens aufwache und voll dahinter stehe. Dann hast du auch nicht das Gefühl, dass es nervt und gute Energie kostet, weil ich mich auf der Bühne verstellen muss.

Ich fände es schön, wenn wir da umdenken, wie wir über Sichtbarkeit nachdenken, wie wir Themen sichtbar machen und uns damit natürlich auch selbst. Und da muss auch nicht jeder Bock darauf haben, und das ist auch in Ordnung.

Carina: Ich habe oft das Gefühl, dass da ein Unterschied liegt zwischen konservativeren Firmen in der B2B-Welt und diesen Lifestyle-Brands, bei denen viel mehr Passion dahintersteckt. Dabei sind die anderen Themen ja genauso spannend. Also: Hab dein Thema, für das du brennst und dann geh damit raus.

Sophia: Genau, und jetzt reden wir viel auf Markenebene. Brich das mal runter jetzt für jede und jeden Zuhörenden: Bist du dir deiner eigenen Marke bewusst? Das heißt nicht, dass du gleich eine ganze Markenentwicklung machen musst. Fang mit deinen ersten drei Hashtags an – gut, Hashtags sind ja auch schon wieder out –, also mit deinen drei Worten, so wie du mich vorhin nach der Marke in drei Worten gefragt hast. Was sind deine drei Worte? Womit willst du zum Beispiel in einem Unternehmen gesehen werden? Ich finde das total wichtig: Woher soll ich denn wissen, dass ich zum Hörer greife und dich anrufe, wenn ich nicht weiß, wofür du stehst?

Gerade in großen Konzernen und in großen Gruppen der Gesellschaft ist es deswegen total wichtig, dass man darüber spricht und auch inszeniert, womit man gesehen werden möchte. Dass jeder Mensch dir ein Profil, eine Marke gibt, ist sowieso klar – unser Hirn ist darauf ausgelegt, zu clustern. Wir trainieren zwar, die Schublade nicht immer auf- und zuzumachen, aber wir ordnen ein. Wenn dir also sowieso ein Stempel aufgedrückt wird, dann gestalte ihn lieber selbst und schreib selbst, was dir auf die Stirn gestempelt wird, statt es anderen zu überlassen. Deswegen möchte ich Menschen immer Mut machen, sich selbst zu überlegen: Was sind die drei Dinge, mit denen ich wahrgenommen werden möchte?

Und das heißt gar nicht, dass man viel Privates preisgeben muss. Das höre ich oft: Ja, da muss man so viel Privates zeigen. Nein, musst du gar nicht. Persönlich und privat ist noch mal ein kompletter Unterschied. Ich kann persönlich alle mitleben lassen, aber über meinen Partner weiß zum Beispiel niemand etwas. Es gibt Ebenen der Sichtbarkeit, die wirklich wichtig sind, um eine Marke oder ein Thema in die Welt zu bringen.

Carina: Letzte Frage: Gab es einen richtig genialen Marketing-Move, den du begleitet hast, bei dem du sagst: Der war außergewöhnlich, der ist im Kopf geblieben oder hat richtig Spaß gemacht?

Sophia: Da gibt es ganz viele, weil wir – wie gerade schon gesagt – mit neuen Formaten immer wieder in der Szenen geschaut haben: Was kann man woanders abgucken, wo kann man etwas Neues inszenieren?

Das, was wir vorhin schon hatten, diesen Tupperparty-Effekt – die Heartbeat-Partys in allen Postleitzahlgebieten der Republik. Das war wirklich ein Aha-Moment, weil ich am Anfang skeptisch war, ob das funktioniert: ob Menschen wirklich ihre Türen aufmachen und dich schauen lassen. Beratungsgespräche in einem Showroom kannst du inszenieren, da guckt man sich die Geräte an. Aber sich ein Live-Energiesystem bei echten Menschen anschauen zu dürfen, da habe ich gedacht: Mal gucken, ob das klappt. Ich möchte aber noch etwas anderes nennen, damit noch eine neue Inspiration dazukommt: unsere Eventstrategie. Die ist schon einzigartig. Wenn man in organisches Marketing und in Events investiert, ist das erst mal ein Kostenfaktor, den nicht alle Firmen auf ihrem Balance Sheet cool finden. Bei uns ist er einzigartig, weil wir gemerkt haben: Es braucht diese Deep Räume, in denen man intensiver erlebt und spricht. Sei es der Infoabend im Showroom, wo man wirklich tief ins Thema eindringt, wo Menschen sitzen und wir alle Mythen vom Stammtisch rund um Wärmepumpe und Solar auflösen dürfen.

Aber es geht auch darum, deine Marke auf einer anderen Ebene zu erleben. Und was meine ich damit? Wir haben zum Beispiel wilde Raves gemacht – bis hin zum Manager Magazin, das über die Kinky Partys von 1KOMMA5° berichtet hat. Wir haben gesagt: Wir fahren nicht die Standardlinie, wir gehen nicht auf diese Standard-Events und holen uns einen teuren Messestand. Wir schließen uns lieber mit anderen Partnern zusammen, denen das ehrlich gesagt auch ein bisschen zu teuer ist, und machen etwas Eigenes. So ist ein mutiger Rave entstanden, der jetzt ins zweite und dritte Jahr geht, bei dem Partner uns vertrauen und Geld geben und wir machen wirklich eine wilde Party, um zu zeigen: Hier geht es um Lebensgefühl. Unsere Party ist eine coole Party, tanz lieber mit, statt gegen alte Industrien anzukämpfen. Wir wollen lieber diesen neuen Lifestyle inszenieren und aufmachen, als immer ins Vergangene zu schauen und dafür bedienen wir uns bei auch viel bei anderen Branchen.

Das zweite Beispiel ist Sport. Und dazu braucht es vielleicht einen Seitensatz. Jetzt könnte man ja denken: Warum freaken sie jetzt ab und machen auch noch Sport-Events? Wir haben uns das natürlich angeschaut. Punkt eins: Was verbindet Menschen – alt und neu, Dorf und Stadt? Sport, bis hin zum Jugendverein auf dem Dorf an. Sport ist erst mal Bewegung, etwas, das Menschen miteinander verbindet, und da kommen oft alle zusammen. Du musst nicht mal dieselbe Sprache sprechen, um zusammen Fußball zu spielen. Das ist Punkt Nummer eins: diese Verbindung, diese Brücken zwischen den unterschiedlichsten Subkulturen.

Und dann haben wir immer gesagt: 1KOMMA5° ist eine Gesellschaftsbewegung. Dann musst du Bewegung auch auf die Straße bringen und Menschen zusammenholen – zum Beispiel in einem Laufclub. Einfach mal Sportschuhe anziehen und loslaufen. Dazu kommt: Menschen, die Sport machen, sind meistens auch Menschen, die sich Ziele setzen, den Schweinehund überwinden und nachhaltig mit ihrem Lebensstil umgehen – das kann Ernährung sein oder was auch immer. Damit bist du relativ nah am Thema: Wie behandle ich mich selbst, wie behandle ich mein Environment? Und auf einmal bist du bei Wind, Sonne und Erneuerbare Energie.

Das heißt nicht, dass du, weil du gestern bei uns mitgelaufen bist, morgen gleich eine Solaranlage bestellst. Aber vielleicht hast du uns im Kopf, empfiehlst deinen Eltern das Thema oder denkst in drei, vier Jahren beim ersten Hausbau an uns. So erschließen wir uns über andere Kontexte Menschen, die zu uns passen und die wir am Ende auch als Kundinnen und Kunden haben wollen. Darauf sind wir stolz: dass wir quer denken – was natürlich erst mal ein Investment bedeutet. Und ich bin sehr froh, dass wir immer wieder das Vertrauen bekommen, Dinge ausprobieren zu dürfen.

Damit haben wir letztes Jahr begonnen, und das ganze Thema Running Clubs und Biking Clubs ist inzwischen durch die Decke gegangen. Wir haben ein gutes Momentum getroffen und erreichen damit tausende Menschen; bald haben wir unseren größtes Community-Run mit über 500 Menschen. Das sind alles Brand Impressions und das ist das schöne Zusammenspiel: auf der einen Seite KI, Geschwindigkeit und Performance, auf der anderen Seite echtes Erleben schaffen. Darauf bin ich extrem stolz.

Carina: Was ihr damit schafft, sind genau diese emotionalen Verbindungen – ein Sporterlebnis oder ein Rave sind ja voller Emotionen, und die schwappen auf die Verbindung über, die man mit euch hat. So entstehen ganz starke Touchpoints. Das war ein sehr, sehr inspirierendes Gespräch. Ich bin großer Fan eurer Marke – ganz lieben Dank für die Insights!

Sophia: Hat sehr viel Spaß gemacht, und schön, dass du auch Insights mitnehmen konntest. Danke auch für dein Feedback, wie du uns wahrnimmst – wir lernen ja auch immer wieder, wenn uns jemand die andere Perspektive als Spiegel vorhält. Es wird noch viel kommen, wir haben viel vor.

Über den Gast: Sophia Rödiger

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